Nach der Anfrage, im Rahmen des Würzburger Projekts „Globale Systeme und interkulturelle Kompetenz“ (www.gsik.de) einen mehrtätigen Kurs zur Einführung in das deutsche Recht an der Universität Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo zu halten, erkundigte ich mich erst einmal nach den Sicherheitswarnungen des Auswärtigen Amtes, da ich das Land vor allem aus politisch brisanten Kontexten erinnerte. Dort fanden sich tatsächlich der Hinweis, dass von Reisen in den Kongo abgeraten würde, sowie detaillierte Verhaltensregeln. Doch meine Abenteuerlust war größer. Auch ist das Bedürfnis der dortigen Universität nach ausländischen Lehrern und möglichen Kooperationen mit Europa hoch. So ging es im September 2010 für einige Zeit in die Demokratische Republik Kongo. Da ich dort auch ganz wundervolle Tage verleben durfte, die Menschen dort hilfsbereit und herzlich sind und dringend europäischer Unterstützung bedürfen, möchte ich über die Zeit dort berichten. Die DR Kongo wird aufgrund seiner Einwohnerzahl, Größe, seines Ressourcenreichtums und seiner immer noch großen politischen Bedeutung eine wichtige Rolle bei der Weiterentwicklung des afrikanischen Kontinents spielen. Auch deshalb möchte ich den Blick auf die vielen schönen Facetten lenken und in dem ein oder anderen Leser das Bedürfnis wecken, den Menschen dort zu helfen –durch Zuwendung von Zeit, Geld, Sachspenden oder auch nur erhöhte Aufmerksamkeit. Insbesondere die Studenten, die später zentrale Positionen in diesem Land besetzen und erheblichen Einfluss auf seine Entwicklung nehmen werden, bedürfen besserer Studienbedingungen und eines Austausches mit Akademikern anderer Länder. Zu Wegen, wie jeder einzelne zur Weiterentwicklung des Kongos beitragen kann, gibt es Kontaktdaten und eine Linksammlung am Ende des Berichts.

Schon die Anreise entspricht den Erwartungen des abenteuerlustigen Reisenden. Wer im Kongo europäischen Komfort oder gar deutsche Sorgfalt erwartet, wird sich umstellen müssen – das wird schon in der chaotischen Empfangshalle des Flughafens deutlich. Die viel zu zahlreich und von keiner politischen Gewalt kontrollierten Soldaten erlauben Nicht-Passagieren den Zutritt grundsätzlich nicht – oder nur gegen Zahlung eines entsprechenden Bestechungsgeldes (Korruption ist eines der größten Probleme im Kongo und soweit es den Reisenden nicht in Schwierigkeiten bringt, sollte sie nicht unterstützt werden). So ist es schon eine kleine Herausforderung, sich überhaupt mit der Kontaktperson zu treffen. Doch auch außerhalb des Flughafens senkt sich der Adrenalinspiegel kaum: Vor einer Autofahrt durch Kinshasa (auf keinen Fall versuchen, selbst zu fahren!) empfiehlt es sich, keine größeren Mengen fester Nahrung zu sich zu nehmen, sondern stattdessen zu allen erdenklichen Göttern zu beten. Im Gästehaus gibt es an manchen Tagen kein fließendes Wasser, gelegentlich keinen Strom. Das wird jedoch ausgeglichen von Mama Pauline, der ebenso rund- wie herzlichen Herbergsmutter, die jede Alltagsschwierigkeit erleichtert, und sei es nur durch die Versicherung, wichtig sei doch nur, dass man (über-)lebe. Das trifft mehr als zu in einem Land, in dem man auf Schritt und Tritt unvorstellbarer Armut, scheinbar unüberwindbaren politischen Schwierigkeiten und Ohnmachtsgefühlen begegnet.

Zu dem Gästehaus sei noch zu erwähnen, dass das Essen europäische Magenempfindlichkeit berücksichtigt, die Zimmer sauber sind, der Gemeinschaftssinn unter den Gästen einem manches erleichtert. Die Zimmer sind zwar nicht billig, doch ohnehin sollte man in Kinshasa auf keinen Fall an der Unterkunft oder am Essen sparen, ebenso wenig an gesundheitlicher Vorsorge (Malariaprophylaxe ist trotz Nebenwirkungen dringend zu empfehlen, rohes Essen oder nicht-abgekochtes Wasser zu meiden und die Gelbfieberimpfung sogar Voraussetzung für die Einreise).

Zur Arbeit an der Universität: Grundsätzlich finden die Kurse auf Französisch statt, inzwischen besteht aber ein erheblicher Bedarf an Deutsch- oder Englischkursen bzw. Kursen, die auf Englisch gehalten werden. Die juristische Ausbildung erfolgt nach dem Bachelor-/Master-System und insgesamt besteht ein hohes Ausbildungsniveau. Bemerkenswert ist die überdurchschnittliche Motivation der Studenten, nicht zuletzt weil die Studienbedingungen schwierig sind: Die Bibliotheksausstattung ist spärlich, schnelle Internetverbindungen gibt es nicht. Regelmäßig streiken entweder Professoren, Mitarbeiter oder die Studenten selbst. Das hat fast jedes Semester erhebliche Vorlesungsausfälle zur Folge, so dass oft sogar sonntags Veranstaltungen stattfanden oder die Semesterferien erheblich verkürzt werden. Die Studenten müssen dann neben einer kaum zu bewältigenden Vorlesungsdichte nachts für ihre Prüfungen lernen. Dass deshalb selbst motivierte und fleißige Studenten Schwierigkeiten haben, die anspruchsvollen Prüfungen zu bestehen, ist nur verständlich. Doch von diesen Bedingungen sollte sich kein Interessierter von einem Aufenthalt im Kongo abhalten lassen: gerade aufgrund dieser Schwierigkeiten braucht die dortige Universität die Unterstützung des Westens, mutige Besucher und Kooperationspartner.

Zudem kann ich versprechen, dass man derart intensive Erfahrungen nur an wenig anderen Orten der Welt machen wird. Denn die DR Kongo hat unzählige sehens- und erlebenswerte Facetten: Die atemberaubende Weite des Horizonts, die Unberührtheit der Natur, die Vielfalt des Regenwaldes oder die Gemächlichkeit des Flusses, der Lebensader, Transportweg und Kinderspielplatz ist. Die Idylle und Lebensfreude, die einem in kleinen Dörfern am Flussufer begegnet (eine Fahrt auf dem Kongo in einem traditionellen Einbaum ist Pflichtprogramm!). Die Großherzigkeit, Freundlichkeit, soziale Eingebundenheit der Kongolesen. Nicht zuletzt seltene Kleinodien wie die Heimat der Bonobos (einer Schimpansenart), die man dort in der Zeit, in der sie auf das Leben in der freien Wildnis vorbereitet werden, beobachten kann, machen einen Aufenthalt im Kongo unvergesslich. Und die Erfahrung, in einem  Raum mit mehreren hundert Menschen der einzige Weiße zu sein und sich seiner Andersartigkeit in jeder Sekunde bewusst zu werden, ist die Reise wert.

Das Land hat unter anderem aufgrund seiner Bodenschätze das Potential, eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung Afrikas zu spielen. Doch es braucht Hilfe, um die politischen Wirren nach dem Ende der Kolonialzeit und Diktatur zu überwinden, die Korruption zu bekämpfen und die Wirtschaft zu fördern. Auch das Gesundheits- und Sozialversicherungssystem sind praktisch nicht existent.

Deshalb sollten auch in Zukunft Dozenten und Experten in dieses Land reisen, um den Menschen dort unsere Problemlösungen vorzustellen – dies gilt für praktisch alle Wissensgebiete (die nicht ungefährliche Reise sollte immer in enger Kooperation mit Landeskundigen erfolgen). Auch Spenden, die es dortigen Studenten ermöglichen, in Europa oder den USA zu studieren oder die Studienbedingungen an den dortigen Universitäten zu verbessern, sind wichtig. Diesen Aufgaben widmet sich etwa die Deutsch-Kongolesische Juristenvereinigung. Sie ist gerne bereit, bei der Vorbereitung eines Aufenthalts im Kongo zu helfen. Auch zahlreiche andere NGOs sind in dem Land aktiv (siehe die exemplarische Linkliste).

Aber schon ein erhöhtes Interesse an dem Land, oder auch nur dieselbe Hilfsbereitschaft, die uns dort entgegengebracht wird, gegenüber ausländischen Gästen, sind wichtige Schritte, m diesem Land zu helfen, seine aktuellen Schwierigkeiten zu überwinden und seine Potentiale auszuschöpfen.

 

Linkliste:

http://www.jura.uni-wuerzburg.de/studium/fachsprachen_und_auslaendisches_recht/kongo/

www.aerzte-ohne-grenzen.de

http://www.crisisaction.org

http://www.kongogruppe.de/

http://www.welthungerhilfe.de/kongo.html

http://www.worldvision.de

 

(Artikel erschienen in JA 01/2011)

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