…doch, ich bin erleichtert. Die iranische Justiz hat nun die Vollstreckung des Urteils, nach dem die durch ein Säureattentat verunstaltete Iranerin dem Täter ebenfalls Säure in die Augen tröpfeln, ihn also blenden können sollte, verschoben. “Auge um Auge”, in diesem Fall auf grausame Weise wörtlich zu verstehen – das gehört doch offensichtlich nicht mehr in unsere Zeit, das ist menschenverachtende Folter. Das Problem in diesem wie in vielen anderen Fällen ist das Vermischen des Mitleids, der Empathie für das Opfer, mit den Konsequenzen für den Täter. Kritisiert man das Verhalten gegenüber dem Täter, wird einem postwendend unterstellt, man habe kein Mitgefühl für das Opfer. Das eine hat jedoch nur wenig miteinander zu tun, nicht zuletzt, weil man weiß, dass es den wenigsten Opfern langfristig psychologisch hilft, wenn sie Rache nehmen dürfen.

Die Diskussion um diesen Fall und bestimmte Rechtssysteme ist ja nicht neu. Interessant an diesem Fall ist, dass sogar die Richter Bahrami baten, von ihrem Recht keinen Gebraucht zu machen. Die Richter handelten also nach positivem Recht “richtig”, “gerecht”, spürten aber genau, dass das Ergebnis falsch ist. Nun haben sie das Urteil erlassen, warteten bis zum letzten Moment und haben dann die Vollstreckung verschoben – das war nun sicherlich der inkonsequenteste und unklügste Weg. Auf diese Weise verdeutlicht man die Widersprüchlichkeit des eigenen Rechtssystems, gibt sowohl Befürwortern als auch Gegnern derartiger Urteile Argumente in die Hand, und verwischt die Frage, um die es eigentlich geht: die Angemessenheit des iranischen Rechtssystems in der heutigen Zeit. Und, auf einer rechtsphilosophischen Ebene, die Frage nach dem richtigen Umgang des Richters mit einem massiven Gewissenskonflikt.